Tagesklinik für kognitive Neurologie
 Universitätsmedizin Leipzig

Physiotherapie/Ergotherapie

Arbeitsgebiete

Die Arbeitsgruppe Physio-/Ergotherapie beschäftigt sich mit der Diagnostik und Therapie von erworbenen zentralen Bewegungsstörungen. Berücksichtigt werden dabei auch Störungen der Kognition, der Sprache, der visuellen Wahrnehmung und des Verhaltens, die zusätzlich Einfluss auf die Sensomotorik haben können.

Die bekanntesten zentralen Bewegungsstörungen sind die Paresen (Lähmungen), die nach Schlaganfall meist eine Körperhälfte betreffen (Hemiparese) oder aber, z.B. nach einem Unfall mit nachfolgendem Schädel-Hirn-Trauma, auch beide Körperhälften (Tetraparese). In Verbindung damit treten häufig Koordinationsstörungen (Ataxien), Gangstörungen, Hyperkinesen (Überschußbewegungen) und Hypokinesen (Verminderung der Spontan- und Willkürmotorik) auf. Auch Beeinträchtigungen des Gleichgewichts sind häufig zu beobachten. Dabei können sowohl das Bewegen (Motorik) als auch das Gefühl (Sensibilität) in einem oder mehreren Körperabschnitten gestört sein. Häufig besteht zudem eine gravierende Minderung der Kondition.

Diese Beeinträchtigungen gehen oft mit kognitiven Störungen einher. Zu ihnen gehören z.B. Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsdefizite, Planungsstörungen und Antriebsminderungen. Auch eine gestörte Planung und Steuerung von Bewegungen (Apraxien), räumliche Wahrnehmungsdefizite oder die Vernachlässigung einer Körper- oder Raumhälfte (Hemineglect) wirken sich auf motorische Abläufe aus. Da diese Defizite eine Übertragung von Therapieinhalten in den Alltag erschweren, werden die therapeutischen Maßnahmen mit den anderen beteiligten Therapeuten und den Angehörigen abgestimmt. Dazu ist vorab eine Analyse des konkreten Lebensumfeldes notwendig. Bestimmte Vorgehensweisen sind z.B. ein häufiges Wiederholen einer Handlung oder Bewegung sowie eine möglichst geringe Varianz innerhalb der motorischen Übungen und der äußeren Bedingungen. Hilfreich sind dabei z.B. einheitliche Instruktionen und Hilfestellungen von Therapeuten und Angehörigen. Bei anderen Patienten kann es hilfreich sein, externe Gedächtnishilfen richtig einzusetzen, um die Therapieziele zu unterstützen.

Apraxien sind Störungen von Bewegungen und Handlungen, die nicht mit sensomotorischen Problemen zu erklären sind. Beispielsweise kann es apraktischen Patienten schwer fallen, Gesten zu produzieren, Werkzeuge richtig zu benutzen und Handlungen in einer sinnvollen Reihenfolge auszuführen. Da die Apraxie häufig in Verbindung mit Sprachstörungen auftritt, wirkt sich diese wiederum negativ auf die nonverbale Kommunikation aus. Ergotherapeuten und Logopäden der Tagesklinik führen in solchen Fällen ein gezieltes und aufeinander abgestimmtes Gestentraining durch.

Auch komplexe Handlungsabläufe wie z.B. Tee kochen in der richtigen Reihenfolge oder andere Alltagshandlungen werden speziell trainiert. Solche Therapieinhalte orientieren sich an den Bedürfnissen der Patienten und auch deren Angehörigen und zielen auf die Erhöhung der Selbständigkeit der Patienten ab.

Räumliche Wahrnehmungsdefizite zeigen sich als visuell-räumliche, räumlich-konstruktive und räumlich-kognitive Beeinträchtigungen. Visuell-räumliche Basisleistungen sind Fähigkeiten wie Längenschätzung, Distanzschätzung oder Winkelschätzung. Diese werden von den Orthoptisten der Tagesklinik untersucht. Haben Patienten trotz erhaltener visuell-räumlicher Leistungen Probleme mit Handlungen „im Raum„, spricht man von räumlich-konstruktiven Leistungen. Praktische Schwierigkeiten ergeben sich dann beim Anfertigen einer technischen Zeichnung, beim Anziehen, T-Shirt falten oder Tischdecken oder immer dann, wenn aus mehreren Teilen ein Ganzes zusammengebaut werden muss. Räumlich-kognitive Leistungen sind Fähigkeiten, in der Vorstellung mit räumlichen Anforderungen umzugehen. Ergotherapeuten und Orthoptisten behandeln gemeinsam Patienten, die im Bereich der Raumwahrnehmung Schwierigkeiten haben.

Kognitive Defizite in komplexen Alltagssituationen, die sich in Planungsstörungen, Schwierigkeiten bei der Problemlösung und auch der Handlungskontrolle äußern, werden in Zusammenarbeit zwischen Ergotherapeuten und Neuropsychologen analysiert. Auswirkungen dieser Beeinträchtigungen zeigen sich z.B. bei der Zubereitung einer Mahlzeit oder beim handwerklichen Arbeiten und besitzen somit immer eine hohe Alltagsrelevanz.

Außerdem werden Zusatz- oder Begleiterkrankungen wie periphere Nervenerkrankungen, Schmerzsyndrome und muskulo-skelettäre Dysbalancen (Fehlhaltungen, Bewegungseinschränkungen) untersucht und behandelt.

Arbeitsschwerpunkte

  • Diagnostik und Therapie komplex überlagerter Bewegungsstörungen
  • Diagnostik und Therapie von Gang- und Gleichgewichtsstörungen
  • Computergestützte Gleichgewichts- und Bewegungsanalyse (ZEBRIS)
  • Computergestützte Diagnostik und Therapie von Schreibstörungen (CS)
  • Diagnostik und Therapie von Patienten mit Apraxien (Zusammenarbeit mit Logopädie)
  • Untersuchung des konditionellen Zustandes mit Hilfe standardisierter Testverfahren
  • Optimierung des selbständigen Lebens im Wohnumfeld - Hausbesuche -
  • Hilfsmittelanpassung und -training vor Ort
  • Praktisches Training von Exekutivfunktionsstörungen (Zusammenarbeit mit Neuropsychologie)
  • Diagnostik und Therapie räumlich-konstruktiver / räumlich-kognitiver Leistungen (Zusammenarbeit mit Orthoptik)

Allgemeines Vorgehen

Analog zur Vorgehensweise der anderen Fachbereiche wird auch in der Ergo- und Physiotherapie zunächst eine differenzierte Standarddiagnostik durchgeführt, die je nach Störungsschwerpunkten um spezifische Maßnahmen erweitert wird. Die Therapie erfolgt in Einzel- und/oder Gruppenbehandlungen entsprechend der diagnostischen Ergebnisse. In Absprache mit dem Patienten und den Angehörigen werden konkrete Therapieziele und die entsprechenden Maßnahmen vereinbart und im Therapieverlauf aktualisiert.

Als führende Behandlungskonzepte stehen das Bobath- und Perfettikonzept, sowie die Funktionelle Bewegungslehre von Klein-Vogelbach (FBL) und die Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF) zur Verfügung. Weitere Therapieansätze sind manualtherapeutische Techniken, Behandlungen nach dem Neuromedizin-Konzept (Schmerzphysiotherapie), Therapie im Bewegungsbad und physikalische Maßnahmen (Elektrotherapie, Thermotherapie, Massagen). Zur Steigerung der körperlichen Belastbarkeit einerseits sowie zur Anhebung der Sauerstoffsättigung als wesentliche Bedingung zur optimalen Ausschöpfung aller Hirnfunktionen andererseits werden individuelle Trainingspläne für Fahrradergometer oder Laufband erarbeitet. Gruppenangebote sind meist Zusatzbehandlungen und dienen neben dem funktionellen Zuwachs der Steigerung der sozialen Kompetenz. Ständige Gruppen sind Konditionsgruppe, QiGong, Therapie im Bewegungsbad, Recreationsgruppen, Haushaltsgruppe und Handwerksgruppe. Bei Bedarf werden auch Entspannung, Atemtechniken oder spezielle Verfahren zur Schmerzbewältigung, meist in Zusammenarbeit mit einem Neuropsychologen, als Gruppentherapie angeboten.

Um die Eigenverantwortlichkeit der Patienten zu unterstützen und zu erhöhen werden verschiedene Therapieinhalte nach entsprechender Einführung vom Patienten in Selbsttherapie geübt und in regelmäßigen Abständen vom Therapeuten kontrolliert und aktualisiert. Ebenso verhält es sich mit individuellen Hausübungsprogrammen.

Um die Therapie so alltagspraktisch wie möglich zu gestalten, werden in Einzelfällen Hausbesuche durchgeführt und bestimmte funktionelle Fertigkeiten vor Ort, gemeinsam mit den Angehörigen, geübt. Dies umfasst auch das Bewegen im öffentlichen Raum (Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel, Orientierung im Gelände etc.).

Die konzeptuell und strukturell festgelegte interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Fachbereiche sichert darüber hinaus das Einfließen wichtiger Informationen in die therapeutische Vorgehenweise.

 
Letzte Änderung: 07.07.2009, 16:08 Uhr
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